... ein neuer Tag begann!
Geweckt wurden wir in der Früh bei Zeiten.
Die Aufnahme ( registrieren, verteilen eca. )
sollte nun doch schon heute sein.
Hatte da jemand etwas beschleunigt?
... wir wissen es...
Also fuhren wir nach dem ( reichhaltigen ) Frühstück
Richtung Weiden mit dem Bus.
Alles war organisiert,
Viele freiwillige Helfer waren da auch wieder vor Ort.
Soviele Menschen, Familien, jeder hatte sein eigenes Päckchen / Schicksal in der Hosentasche bzw. im Bauch...
Ein herzliches Willkommen auch da wieder, einreihen in eine Schlange
( für uns ja nix neues :-) damit sind wir aufgewachsen )
... endlich an der Reihe:
... sämtliche Personalien, Daten alles wurde aufgenommen.
Durchschläge in verschiedenen Farben, versehen mit Stempeln!!!
Ich würde Euch gern ein Foto zeigen,
allerdings sind dies Dokumente, die kann ich hier nicht zeigen.
( abgeheftet in unserem Ordner )
Nachdem alles formelle erledigt war,
hatten wir ja eine Adresse, eine Anlaufstelle!
Unsere Zukunft sollte in Bayern liegen.
Andere, die keine Verwandschaft hatten, wurden auf Deutschland verteilt und mußten erstmal in ein anderes Auffanglager.
( wie dies klinkt... aber so war es ) !
In Neuburg vorm Walde zurück,
hieß es die wenigen Habseligkeiten zusammen packen
und
ab Richtung München.
Eine Straßen-Karte und den Tank voll Sprit bekamen wir auf den Weg.
Am 1. Parkplatz haben wir angehalten
und aus dem
DDR Schild ( Blech )
ein D gemacht... feine Arbeit!
Später trafen wir viele Autos, die den ähnlichen Schmuck hatten.
Lichthupen, Winken... es war ein tolles Gefühl!
So viele Autos auf der Autobahn waren wir nicht gewohnt,
also hielt Karsten an und suchte uns eine Strecke
* um München herum * raus.
Wacker geschlagen...
... Ausfahrt Seeshaupt ( am Starnberger See )
... unserem Ziel ganz nah!
Da standen wir mittem im Dorf,
wir hatten zwar die Strasse, aber in welche Richtung nun?
Navi.....ein Hilfsmittel heute!
Also fassten wir uns ein herz und fragten die Bedienung von der Pizzaria, die gerade beim rauchen stand nach dem Weg!
... die verstand uns nur nicht *lach * lag es am Dialekt?
... selbst sind die Flüchtlinge!
Wir waren ja eigentlich immer Überlebenskünstler und haben aus nix immer viel gemacht oder uns zurecht gefunden!
Eine Straße quer, eine Straße nach rechts, links abbiegen
und siehe da da stand das gesuchte Straßenschild!
... die Nr. haben wir auch gleich gefunden.
Ein Haus mit doppelter Garage.
Was war da?
Keine Klingel. zumindest haben wir diese nicht gefunden!
... die Tür ging auf... und meine Großbase stand rank & schlank da mit den Worten:
* Wo bleibt ihr denn?... wir warten schon mit dem Abendessen *
Ganz verschüchtert gingen wir rein,
standen in einer großen Diele,
zogen die Schuhe aus,
Rüffler, laßt eure Schuhe an!
ok......
Sollte unsere Erziehung im Westen hinfällig sein?
Die anderen Familienmitglieder wurden gerufen mit den Worten:
... sie sind da!!!
Ein Bursche in unserem Alter kam zum Vorschein, lächelte uns an
( heute weiß ich, daß es spöttisch war )
ein kleiner Mann von 8 Jahren, voller Erwartung mit dem höflichen
* Grüß Gott *
und dann war da noch der Herr des Hauses, den ich nur vom Telef. kannte.
Er stellte sich vor, ich bin der Michael,
schön, daß ihr da seid und was wollt ihr trinken?
hm trinken?
Was trinkt man im Westen so, wenn man bei Familie, Verwandschaft, doch fremden Menschen ankommt?
Coca Cola?
Leitungswasser?
Bier... aber dann welche Sorte? Helles, Weißbier, Pils?
Auweia.......
Es gab dann einen Whisky......
Pfui Daifel...
... ich habe das nicht runter gebracht!
Frage an Karsten, wie denn die Fahrt war!
*... die fahren hier wie sau ! *
Weiter ging es mit Abendessen, ich habe viel kleine Brotchen mit einem Fett bestrichen gegessen und Salz,
danach gab es eine Führung durch das große Haus,
uns wurde unser Quartier gezeigt...
Wo waren wir?
Ich glaube immer noch nicht im Himmel...
aber wir waren im Westen.
Wir hatten ein Zimmer mit Balkon,
Einbauschränken,
samtigen Teppich,
einem Bad mit Toilette,
Dusche,
Waschbecken
&
jetzt kommt`s
... einer großen, runden Badewanne von ca 2 m Durchmesser,
eingelassen in einem Bodest.
( wir haben uns nie getraut darin zu baden :-) )
Es gab noch einen schlummer Trunk und ab ging es in die Betten.
Ich glaube alle von uns waren ein wenig von der Situation überfordert.
Es war lieb und nett, für unsere Gastverwandschaft ein * selbstverständlich *
... Nachtruhe...
( ein Lächeln springt mir gerade über`s Gesicht )
Meine Großbase war auch ein Sachse... hi hi hi ich bin ja ein Thüringer!!!
Der Papa , bei dem wir in der Einliegerwohnung das Zimmer hatten,
war auch ein Sachse... nur lebten sie schon jahrelang im Westen!
Unsere Zukunft lag in Bayern...
... hier sollte unsere neue Heimat sein!
Sie ist es auch geworden!
Nach 20 Jahren Rückblick,
die letzten Tage die Medienverfolgung,
aufwühlen,
Geschichte,
selbstdurchlebtes...
... aller Anfang war schwer für uns.
Wir hatten aber das Glück, daß wir eine Starthilfe hatten, und die war Familie.
* Blut ist eben doch dicker als Wasser *
... Aufbruch eigentlich im Nachhinein in eine völlig, normale Welt,
nur kannten wir diese noch nicht!
Mußten sie erst kennen lernen,
ungeahnte, aber normale Situationen haben wir gemeistert!
Am 9. Nov. 1989 Abend dann die Medien...
die Grenzen sind offen!
Konnten wir nicht warten?
Nein... wir wußten ja nicht,daß sich dies durch einen Irrtum so schnell ändert!
... unsere neue Heimat stand offen,
ein neues zu Hause!
... 3 Wochen Aufregung, Normalität lernen,
umdenken,
eine andere Seite zu sehen,
zu lernen,
zu begreifen,
... mit Technik klar kommen,
... ein Lernprozess... WUNDERBAR!
Viele Behördengänge kamen auf uns zu.
***
Nach 3 Wochen einleben,
wie betätige ich was :-)
hatten wir beide eine Arbeit.
Anstellung in einem großen Konzern,
... unser Leben begann, unabhängig von irgendwelchen Behörden!
Wobei ich ganz ehrlich sagen muß,
daß wir diese 3 Wochen brauchten, um uns einzugwöhnen!
Danke Gundel & Danke Michael!
Wir haben uns wol bei Euch gefühlt !
***
20 Jahre!
Wo ist die Zeit geblieben?
Hier noch ein paar Randdaten!
***
... vom 1. Gehalt haben wir einen kleinen Citroen AX angezahlt,
... im Febr. 1990 sind wir in unsere 1. eigene Wohnung gezogen
(möbliert, direkt am Starnberger See )
... im Mai 1990 bezogen wir eine Wohnung in Penzberg,
die wir selber einrichteten, und gleichzeitig in diesem Monat haben wir geheiratet
...Geldverdienen stand an 1. Stelle,
wir ermöglichten uns Kinderspiele, die wir nie kannten,
Große Urlaube, waren bis heute nicht drin,
aber wir haben Südtirol erkundet,
waren in Frankreich, Italien und lieben nach wie vor den Thüringer Wald!
3 gesunde Kinder nennen wir unser * eigen *
Was wollen wir mehr!
... mit zwei paar Unterhosen & Socken geflohen,
in eine ungewisse Zukunft!
... es hätte auch alles ganz anders laufen können,
wir hatten Glück und natürlich auch uns!
So ging unser neues Leben hier in Bayern los.
Menschen, denen wir nahe stehen, den fehlen wir heute noch,
wie es dann so ist, Besuche werden weniger in der Heimat,
einfach auch durch die Schule der Kids bedingt,
arbeitsmäßig... wir stehen heute im Leben, wie viele von Euch.
Doch haben wir Geschichte geschrieben, mitgeschrieben,
unsere eigene Geschichte,
die uns niemand nehmen kann.
Schwer ist es nur unseren Kindern heute zu erklären
... wenn es beispielsweise Erbsengemüse gibt,
daß das für uns als Kinder Edelgemüse war,
oder wenn wir sagen: nehmt nur soviel Ketchup wie ihr braucht...
Unverständnis... man kann es ja nachkaufen!
Sie wissen nicht, wie es ist, wenn man keine Schokolade bekommt,
Obst nur auf Zuteilung,
es Wochenlang nur Butter, Kaffeesahne mit Beziehung gibt,
weil das Land Engpässe hat, warum auch immer!
Schlagestehen um eine ersehnte Winterjacke in derpassenden Größe zu bekommen vor der Jugendmode,
wenn auf 8000 Einwohner nur 10 Jacken da waren!
Sie kennen es auch nicht,
daß es nicht selbstverständlich war, daß jeder ein Bad in der Wohnung hat,
die Toilette im Haus...
und so gibt es viele Dinge, die unsere Kinder nie ( zum Glück vielleicht )
kennen lernen müssen.
Verschwendung?
Gibt es bei uns heute immer noch nicht.
Altbackenes Brot wird heute immer noch getrocknet.
Sparen war unsere Deviese.
20 Jahre... wo sind diese geblieben!
Eine schöne Zeit, die wir miteinander verbringen durften.
Wir sind stolz auf unsere Kinder,
stolz auf uns selber,
dankbar für die vielen Hilfestützen bei unserem Start!
WIR sind glücklich!!!
AntjePikantje